From owner-beijing-conf@tristram.edc.orgWed Sep  6 16:01:36 1995
Date: Wed, 6 Sep 1995 00:31:32 -0400
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Subject: WCW: ai/Journal: Weltfrauenkonferenz - ein Rueckschlag? (German)
Date: Mon, 04 Sep 1995 14:42:00 +0100
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Sender: owner-beijing-conf@confer.edc.org
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Reply-To: beijing-conf@confer.edc.org

## author     : G.Gabriel@LINK-K.gun.de
## date       : 02.09.95

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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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09/95 - frauen.doc

Weltfrauenkonferenz in Peking
Ein R=FCckschlag f=FCr die Universalit=E4t der Menschenrechte?

"Die Menschenrechte der Frauen und M=E4dchen sind unver=E4u=DFerlicher,
integraler und unabtrennbarer Bestandteil der allgemeinen Menschenrechte."
Dieses mit der Wiener Erkl=E4rung von 1993 weltweit bekr=E4ftigte Grundprin=
zip
k=F6nnte bei der Weltfrauenkonferenz in Peking mit einem Fragezeichen
versehen werden. Bereits im Vorfeld der Konferenz hat sich bei den
Vorbereitungskonferenzen abgezeichnet, da=DF R=FCckschritte gegen=FCber
Beschl=FCssen vorangegangener Weltkonferenzen zu bef=FCrchten sind.

Zehn Jahre nach der 3. Weltfrauenkonferenz in Nairobi verantalten die
Vereinten Nationen vom 4.-15. September 1995 in Peking die vierte
Gro=DFveranstaltung dieser Art unter dem Motto "Aktion f=FCr
Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden". Die erste
Weltfrauenkonferenz fand 1975 in Mexiko statt und leitete nach dem "Jahr
der Frau" (1975) die "Dekade der Frauen" von 1976 bis 1985 ein. 1980
veranstaltete die UNO die zweite Weltfrauenkonferenz. In Nairobi wurden
dann 1985 die "Zukunftstrategien zur F=F6rderung der Frau" beschlossen.
Diese gelten als umfassendes Jahrhundertwerk, was die Frauenrechte
anbetrifft - um die immer noch vorhandenen Hindernisse und Defizite bei
deren Verwirklichung geht es in Peking. Neben der weltweiten
Bestandsaufnahme =FCber die Entwicklung seit Nairobi sollen in Peking
konkrete Ma=DFnahmen und Strategien entwickelt werden, um die Hindernisse
und Defizite zu beseitigen. "Die Themen von Peking - 'Gleichheit,
Entwicklung und Frieden' - m=FCssen f=FCr alle Frauen zwischen Wien und Dak=
ar,
Jakarta, Amman und Mar del Plata sp=FCrbare Folgen haben", erl=E4uterte Syl=
via
Hordosch von der =F6sterreichischen ai-Sektion das Ziel der
Nichtregierungsorganisationen in Anspielung auf die Orte der
Vorbereitungstreffen.

Z=DC: Die Aktionsplattform

Bei den Vorbereitungskonferenzen, die sowohl regional als auch
international stattfanden, wurde das Abschlu=DFdokument von Peking - die
"Platform for Action" - vorbereitet, wie es den Regierungen zur Diskussion
und Verabschiedung vorliegen wird. Der Entwurf dieser Aktionsplattform hat
zw=F6lf Schwerpunktbereiche: Armut, Ungleichheit in Bezug auf Bildung und
Ausbildung, Gesundheitsversorung, Gewalt gegen Frauen und M=E4dchen,
Auswirkungen von bewaffneten Konflikten, Ungleichheit bei der Teilhabe von
Frauen an Wirtschaftsfragen und -politik, Ungleichheit bei der
Machtteilung und bei der Beteiligung an Entscheidungsprozessen, M=E4ngel be=
i
der Umsetzung der Frauenf=F6rderung, F=F6rderung und Schutz der
Menschenrechte, Frauen und Medien, Frauen und Umwelt, M=E4dchen. In jedem
Schwerpunktbereich folgen nach der Bestandaufnahme zur Situation und der
Defizite die geforderten Handlungsans=E4tze und Strategien.

Der Entwurf der Aktionsplattform hat 362 Paragraphen auf 121 Seiten mit
unz=E4hligen eckigen Klammern. Letztere markieren die Vielzahl der zwischen
den Regierungen bei der Vorbereitung bis zuletzt strittig gebliebenen
Begriffe, S=E4tze und Textpassagen. Was im Entwurf in Klammern steht, mu=DF=
 in
Peking noch ausgehandelt werden. Konsens gibt es noch in keinem der zw=F6lf
Schwerpunktbereiche: Sie alle enthalten zahllose eckige Klammern. Am
umstrittensten sind jedoch die Abschnitte Gesundheit und Menschenrechte.
Ausgerechnet das Gastgeberland China hat bei der letzten
Vorbereitungskonferenz, die im Fr=FChjahr in New York stattfand, daf=FCr
gesorgt, da=DF das eingangs zitierte Grundprinzip im Entwurf in Klammern
kam, ebenso wie alle anderen Passagen, in denen die universelle G=FCltigkei=
t
der Menschenrechte erw=E4hnt wird. Bereits zuvor war in der
Abschlu=DFerkl=E4rung der asiatischen Vorbereitungskonferenz die Universali=
t=E4t
und Unteilbarkeit der Menschenrechte von Frauen mit Hinweis auf Kultur,
Tradition und Wertenormen von den Staaten eingeschr=E4nkt worden. Eine
wesentliche Aufgabe der Weltfrauenkonferenz in Peking wird also darin
bestehen, eine Schw=E4chung der Universalit=E4t und Allgemeing=FCltigkeit d=
er
Menschenrechte f=FCr Frauen zu verhindern.

Bei der letzten Vorbereitungskonferenz vor Peking wurde =FCber fast alles i=
n
dem Entwurf der Aktionsplattform gestritten. Dies gipfelte in einem Streit
=FCber den Begriff "gender" ("Geschlecht" beziehungsweise
"geschlechtsbezogen"). Obwohl das Sekretariat eine pr=E4zise Definition aus
einem fr=FCheren UNO-Dokument vorlegte, wurde diese nicht von allen Seiten
akzeptiert, sondern f=FChrte zu einer unr=FChmlichen Diskussion. Nach der
Definition bezieht sich "gender" auf "die Beziehung zwischen Frauen und
M=E4nnern basierend auf der sozial definierten Rolle, die dem einen oder
anderen Geschlecht zugewiesen wird". Trotzdem klagten Delegierte aus Sudan
und Benin nach Ende des Vorbereitungstreffens gegen=FCber der Presse, der
Begriff "gender" sei in ihren Augen ein Deckmantel, um homosexuelle Rechte
zu f=F6rdern. Schlie=DFlich wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die zu
Beginn der Weltfrauenkonferenz Bericht erstatten wird. Solche Streitereien
lassen das Schlimmste bef=FCrchten, n=E4mlich schwache Erkl=E4rungen, die w=
eit
hinter dem zur=FCckbleiben, worauf man sich auf fr=FCheren Konferenzen scho=
n
verst=E4ndigt hatte.

Z=DC: Die Nichtregierungsorganisationen

Die Verankerung der Frauenrechte als Menschenrechte und das Hervorheben
der Bedeutung der Rolle der Frau in den internationalen Strukturen der
Vereinten Nationen ist insbesondere seit Nairobi der starken Einmischung
von nichtstaatlichen Frauengruppen zu verdanken. Besonders die
Abschlu=DFerkl=E4rung der UNO-Weltmenschenrechtskonferenz in Wien mit einem
umfangreichen Abschnitt zu Frauen spiegelt eindr=FCcklich den Einflu=DF von
Frauenorganisationen wider. Bei den vergangenen Weltkonferenzen, wie
derjenigen zu Umwelt und Entwicklung in Rio 1992, der
Weltmenschenrechtskonferenz in Wien 1993, der Bev=F6lkerungskonferenz in
Kairo 1994 und dem Weltsozialgipfel in Kopenhagen 1995 gewannen die
sogenannten nichtstaatlichen Organisationen (non-governmental
organizations, NGOs) zunehmend an Bedeutung. Im Vorfeld der
Weltfrauenkonferenz gab es jedoch energische Versuche, insbesondere von
seiten des Gastgeberstaates China, die Beteiligung und Einbeziehung dieser
Gruppen zu beschneiden.

Vom 30. August bis zum 8. September 1995 findet in zeitlicher
=DCberschneidung mit der Konferenz der Regierungen das Forum der
Nichtregierungsorganisationen statt. Erwartet werden etwa 36.000
Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die chinesischen Organisatoren haben den
Austragungsort f=FCr das Forum der NGOs in das von dem Tagungsort der
Regierungskonferenz =FCber 50 km entfernte Huairuo verlegt. Als Grund wurde=
n
Baum=E4ngel an dem uspr=FCnglich f=FCr die Austragung des Forums vorgesehen=
e
Sportzentrum angegeben. Nach chinesischer Darstellung liegt der nunmehrige
Veranstaltungsort nur 45 Minuten von dem Ort f=FCr die Regierungskonferenz
entfernt und die Verbindung zur Regierungskonfernz soll durch Busse
sichergestellt werden. Als jedoch weitere Informationen =FCber das Zentrum
in Huairou bekannt wurden, wie etwa, da=DF die Fahrtdauer zwischen den
Konferenzorten wegen der Stra=DFenverh=E4ltnisse circa zwei Stunden betrage=
n
soll und da=DF die technische Ausstattung f=FCr die Austragung einer
Veranstaltung mit 36.000 Personen v=F6llig unzureichend sei, l=F6ste dies
heftige Proteste bis hin zu Boykottandrohungen aus. Auch amnesty
international wies in einem dringenden Appell auf die drohende Schande f=FC=
r
die UNO hin, sollten die Frauenorganisationen ausgerechnet von der
Weltkonferenz ausgeschlossen werden, bei der es um das Bem=FChen geht, die
Teilhabe von Frauen in Enscheidungsprozessen zu f=F6rdern. Schlie=DFlich
erkl=E4rte sich das Vorbereitungskomitee f=FCr das NGO-Forum dennoch mit
Huairou als Veranstaltungsort einverstanden. Neben dem Versprechen von
Seiten der chinesischen Gastgeber, den Transport zwischen den
Veranstaltungsorten zu verbessern und f=FCr eine f=FCr 36.000 Teilnehmerinn=
en
und Teilnehmer angemessene Ausstattung des Zentrums in Huairou zu sorgen,
war sicherlich ausschlaggebend, da=DF ein Boykott des Forums und damit das
g=E4nzliche Fehlen der Nichtregierungsorganisationen den Machthabern in
China und auch vielen anderen Regierungen eher entgegengekommen w=E4re. Die
Abwesenheit der vielen Frauengruppen und anderen NGOs h=E4tte bedeutet, da=
=DF
die Regierungen ungest=F6rt und unbeeinflu=DFt von der Stimme der Betroffen=
en
ihre Konferenz h=E4tten abhalten k=F6nnen. Auch die nunmehr von China
unternommenen Bem=FChungen, die eigene Bev=F6lkerung vor der
"Welt=F6ffentlichkeit" abzuschirmen, w=E4ren dem Gastgeber "erspart"
geblieben.

Weitere Versuche, die NGOs von der Lobbyarbeit gegen=FCber den Regierungen
und anderen Aktivit=E4ten in Peking abzuhalten, waren die urspr=FCngliche
Nichtzulassung zahlreicher Organisationen zur Regierungskonferenz sowie
Versuche der Einflu=DFnahme seitens der chinesischen Regierung auf die
Zulassung von Gruppen beim NGO-Forum und dessen Programmgestaltung.

Es hatte damit begonnen, da=DF der Vatikan der Akkreditierung von vier
Organisationen und Armenien der Zulassung einer Gruppe zur
Regierungskonferenz widersprachen. Dar=FCber hinaus existierte auf dem
letzten Vorbereitungstreffen eine Liste, nach der weitere 493
Nichtregierungsorganisationen nicht zur Konferenz zugelassen werden
sollten. Das Sekretariat der UNO-Tagung teilte mit, eine Pr=FCfung habe
ergeben, da=DF sie die Kriterien nicht erf=FCllten. Ohne Gegenstimme und be=
i
Enthaltung Chinas wurde dann beschlossen, da=DF die betroffenen Gruppen ein=
e
Art Widerspruchsrecht und =DCberpr=FCfungsverfahren erhalten. Mitte Juli
warteten noch 19 von ihnen - vor allem Exilorganisationen, die
Frauenanliegen in Tibet und dem Iran vertreten - auf ihre Akkreditierung
zur Regierungskonferenz. =DCber deren Zulassung wurde beim Wirtschafts- und
Sozialrat der UNO beraten. Vor allem China und der Iran waren bem=FCht, die
Gruppen von der Konferenz fernzuhlten. Teilweise mit Erfolg: Schlie=DFlich
blieben elf Organisationen von der Regierungskonferenz ausgeschlossen.

Weiterhin besteht die Besorgnis, da=DF die akkreditierten Gruppen in Peking
an der aktiven Mitarbeit auf der Konferenz und an Lobbyarbeit gegen=FCber
den Regierungen gehindert werden k=F6nnten. Die Teilhabe der Frauen am
Entscheidungsproze=DF der Regierungen wird durch die geschilderten =F6rtlic=
hen
Widrigkeiten und technische Probleme nur eingeschr=E4nkt m=F6glich sein. Hi=
nzu
kommen Beschr=E4nkungen durch die Gr=F6=DFe der Delegationen: Die vielen
Aussch=FCsse und Debatten erfordern eigentlich eine Pr=E4senz, die von den
meisten Organisationen kaum gew=E4hrleistet werden d=FCrfte. Dem immer wied=
er,
auch von deutscher Regierungsseite vorgetragenen Argument, bei der Debatte
=FCber das Abschlu=DFdokument k=F6nne eine Anwesenheit der
Nichtregierungsorganisationen schon aus Platzgr=FCnden nicht m=F6glich sein=
,
m=FC=DFte durch die Zulassung wenigstens eines von den Gruppen delegierten
Ausschusses jede =DCberzeugungskraft genommen werden k=F6nnen.

Schlie=DFlich ist noch bemerkenswert und alarmierend, da=DF angeblich die
chinesischen Beh=F6rden s=E4mtliches Material von NGOs durch den Zoll
beschlagnahmen lassen wollen, das sie als "anti-chinesisch" beurteilen.
Dies w=E4re eine eindeutige Verletzung des in Artikel 19 der Allgemeinen
Erkl=E4rung der Menschenrechte niedergelegten Rechtes auf freie Meinung und
freie Meinungs=E4u=DFerung. Dieses Recht umfa=DFt ausdr=FCcklich auch die
Freiheit, ohne R=FCcksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut
durch Mittel jeder Art sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben.
Ein solches Verhalten des Gastgebers einer UNO-Konferenz w=E4re nicht
hinnehmbar.

Andrea Gruber

Die Autorin ist Mitarbeiterin in der ai-Arbeitsgruppe IGO, die sich mit
der Menschenrechtspolitik zwischenstaatlicher Organisationen besch=E4ftigt.

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Aus: ai-Journal September 1995
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

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